{"id":66,"date":"2015-09-08T12:53:00","date_gmt":"2015-09-08T12:53:00","guid":{"rendered":"https:\/\/sosparents.eu\/?p=66"},"modified":"2026-07-07T12:46:02","modified_gmt":"2026-07-07T12:46:02","slug":"75-prozent-aller-familiengutachten-mangelhaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/sosparents.eu\/index.php\/2015\/09\/08\/75-prozent-aller-familiengutachten-mangelhaft\/","title":{"rendered":"75 Prozent aller Familiengutachten mangelhaft"},"content":{"rendered":"\n<p>75 Prozent aller Gutachten in familienrechtlichen Streitigkeiten in Deutschland sind mangelhaft. Das ist das Ergebnis einer Studie der IB-Hochschule Berlin, die dem ZDF-Magazin Frontal21 exklusiv vorliegt. Trotzdem wird auf der Grundlage solcher Studien vielen Eltern das Sorgerecht entzogen, werden ganze Familien auseinandergerissen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>von Beate Frenkel und Michael Haselrieder<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Gutachten h\u00e4tten gravierende M\u00e4ngel bei den Testverfahren und den Methoden der Gespr\u00e4chsf\u00fchrung, erkl\u00e4rt Werner Leitner, Professor f\u00fcr Angewandte Psychologie. \u201cAu\u00dferdem entsprechen sie nicht dem aktuellen Forschungsstand.\u201d Leitner hat f\u00fcr die Studie 272 Familienrechtsgutachten aus den Jahren 2013 und 2014 aus allen Bundesl\u00e4ndern untersucht. Sein Fazit: \u201cDiese mangelhaften Gutachten sind als Entscheidungsgrundlage f\u00fcr die Gerichte \u00fcberhaupt nicht geeignet.\u201d Trotzdem w\u00fcrde auf ihrer Grundlage vielen Eltern das Sorgerecht entzogen, ganze Familien zerrissen. \u201cMit diesen mangelhaften Gutachten verdienen die Gutachter zwar viel Geld, auf der Strecke bleibt aber das Wohl der Familien und der Kinder\u201d, kritisiert Leitner.<\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>\u201cIch habe alles f\u00fcr meine Kinder getan\u201d<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>So auch im Fall von Ramona M\u00fcller*: Vor eineinhalb Jahren nahm das Jugendamt der Mutter die drei Kinder weg. Seitdem leben Thilo* (9 Jahre), Bj\u00f6rn* (8 Jahre) und Heiko* (7 Jahre) im Heim. Grundlage f\u00fcr die Gerichtsentscheidung war ein psychologisches Gutachten.&nbsp;Entgegen der Einsch\u00e4tzung von \u00c4rzten,&nbsp;Kindergarten und Schule kam der Gutachter zu dem Schluss: Die Mutter k\u00f6nne keine Grenzen setzen und verhindere au\u00dferdem den Kontakt zum Vater. Vor ihrem Ex-Mann, einem wegen Vergewaltigung verurteilten Alkoholiker, war Ramona M\u00fcller zuvor mit den Kindern geflohen. \u201cIch habe alles f\u00fcr meine Kinder getan und immer mein Bestes gegeben\u201d, so die Mutter. \u201cDas best\u00e4tigen mir auch die \u00c4rzte.\u201d Trotzdem habe man ihr die Kinder weggenommen.Der Gutachter, ein Psychologe, zog seine Schl\u00fcsse unter anderem aus einem umstrittenen Tintenklecks-Test. Ramona M\u00fcller musste beschreiben, was sie auf den verschiedenen Klecks-Bildern sieht. Professor Leitner hat im Auftrag des Kinderschutzbundes das Gutachten analysiert. Das Ergebnis ist eindeutig: Es sei \u201cin vielfacher Weise spekulativ\u201d und methodisch sowie wissenschaftlich \u201cv\u00f6llig unzureichend und inakzeptabel\u201d. Auf Anfrage von Frontal21 wollte sich der Gutachter dazu nicht \u00e4u\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Lukratives Gesch\u00e4ft f\u00fcr Gutachter<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Unabh\u00e4ngig von der Qualit\u00e4t seiner Arbeit ist es f\u00fcr ihn ein lukratives Gesch\u00e4ft. So hat derselbe Gutachter in einem anderen Fall, der Frontal21 ebenfalls vorliegt, fast 13.000 Euro abgerechnet \u2013 eine Summe, die weit \u00fcber den sonst \u00fcblichen S\u00e4tzen liegt. Und das obwohl das Gutachten so erhebliche M\u00e4ngel hatte, dass das Gericht es bei seiner Entscheidung nicht ber\u00fccksichtigte. \u201cDass f\u00fcr ein qualitativ v\u00f6llig unzureichendes Gutachten solche horrenden Summen abgerechnet werden, ist inakzeptabel.\u201d Leitner warnt: \u201cWeil die Eltern die Kosten oft nicht tragen k\u00f6nnen, zahlt am Ende der Steuerzahler den Preis f\u00fcr solche Machwerke.\u201cDie schlechte Qualit\u00e4t vieler Gutachten in Familienrechtsfragen beklagen Experten seit Jahren. Die Bundesregierung hat sich vor zwei Jahren im Koalitionsvertrag verpflichtet, nun endlich eine L\u00f6sung zu finden. Mittlerweile liegt der Gesetzentwurf des Justizministeriums vor. Darin sind \u201cQualifikationsanforderungen f\u00fcr Sachverst\u00e4ndige\u201d vorgesehen. Au\u00dferdem soll die Auswahl der Gutachter durch das Gericht besser begr\u00fcndet werden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Richterliche Fehlentscheidungen<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr den Familienrechtsexperten J\u00fcrgen Rudolph, der fast 30 Jahre als Familienrichter t\u00e4tig war, \u201cein Schritt in die richtige Richtung, aber noch lange nicht ausreichend\u201d. Denn in der Praxis werde sich durch die geplante Reform kaum etwas \u00e4ndern: \u201cEs gibt nach wie vor keine Standards zur Erstellung der Gutachten. Au\u00dferdem k\u00f6nnen die Richter die Gutachter weiterhin v\u00f6llig willk\u00fcrlich ausw\u00e4hlen.\u201c Doch die meisten Richter seien in Familienangelegenheiten \u00fcberhaupt nicht ausgebildet. \u201cDeshalb verlassen sich Richter in Rechtsfragen, die sie selbst beantworten m\u00fcssten, ganz oft auf die Gutachter.\u201d Am Ende \u00fcbernehme keiner die Verantwortung. Die Folgen: jahrelange Rechtsstreitigkeiten um mangelhafte Gutachten und richterliche Fehlentscheidungen \u2013 ohne R\u00fccksicht auf diejenigen, um die es eigentlich gehen sollte: die Kinder.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Bericht:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-color has-link-color wp-elements-c8ccaf7cd14a333042b2d62ff5778340\" style=\"color:#55c3ff\">http:\/\/www.zdf.de\/frontal-21\/studie-75-prozent-aller-familiengutachten-mangelhaft-elternn-verlieren-das-sorgerecht-39990294.html<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>75 Prozent aller Gutachten in familienrechtlichen Streitigkeiten in Deutschland sind mangelhaft. Das ist das Ergebnis einer Studie der IB-Hochschule Berlin, die dem ZDF-Magazin Frontal21 exklusiv vorliegt. 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